Interview

"Bleibe niemals zu lange auf dem Boden ..."

Buchtipp von Eva Philipp, 19.12.2003

Das Leben konnte sie nicht unterkriegen: Lena Aischa.
Bildquelle und Copyright: Lena Aischa


Lena Aischa.
Bildquelle und Copyright bei der Autorin.


"Ich schwamm wie immer in einem Strudel von Gefühlen, Gedanken, Emotionen, Träumen und Realität, die sich jetzt überraschend in Worte verwandelten (...)".


"Die göttliche Welt hatte sich versammelt, als Sun sich an seinen weissen Flügel setzte."


"Jeder in dem Ring gefasste Diamant ist ein Engel, der dich auf die Erde begleiten wird."


"Sie verliessen die Wohnung und stiegen auf einen Berg hinauf (...). Es hörte auf zu schneien, hinter den Wolken drückte sich ein Stern nach dem anderen hervor und es wurde eine klare Nacht."


"(...) Das heilende Licht wurde in diesem Moment geboren. Es leuchtete von dem hohen Berg über die Erde."


Buchumschlag "Mit sieben Diamanten..."© Lena Aischa, 2003

"... du könntest einen wichtigen Teil deines Lebens verpassen". So lautet das Lebensmotto der in Zürich lebenden Lena Aischa. Ihr Buch: Eine Mischung aus Tagebuch, Biografie und Roman. Ein Erstlingswerk im Selbstverlag. Kann das überhaupt funktionieren? Es kann. Die im Poschiavo aufgewachsene Autorin beweist mit ihrem Buch "Mit sieben Diamanten auf Erden unterwegs", dass ihr Konzept nicht nur besteht, sondern sogar Erfolg hat.

Das, was Lena Aischa alles in ihr Werk gepackt hat, ist mutig. Mutig, weil sie sich an mehrere Erzählebenen gewagt hat und trotzdem stets den Überblick behält. Mutig, weil sie sehr viel von sich darin preisgibt, weswegen sie für die Veröffentlichung auch ein Pseudonym gewählt hat. Doch den grössten Mut hat sie bewiesen, indem sie das Risiko einging, ihr Buch im Selbstverlag herauszubringen. An einen Verlag herantreten wollte sie nicht. Es war ihr wichtig, ihre Geschichte ohne Änderungen und Bevormundung durch andere zu erzählen. Für diesen Traum hat sie all ihre Ersparnisse aufgebraucht, Sponsoren gab es keine.

Die Geschichte

Zunächst tauchen die LeserInnen ein in die Welt der Götter. Dort leben Sati und Sun, ein perfektes Liebespaar. Sun wird dazu bestimmt, die Erde zu beschützen, möchte jedoch zuvor ein Leben als Mensch führen, um das Denken und Fühlen der Menschen besser zu verstehen. Sati soll ihn begleiten, ist jedoch entsetzt von dem Vorschlag. Sie weiss, mit wieviel Mühsal ein menschliches Dasein verbunden ist. Ausserdem gibt es keine Sicherheit, dass sie und Sun sich jemals wieder finden werden. Doch die Trennung von Sun ist für sie noch schlimmer, weshalb sie schliesslich zustimmt. Sieben Engel sollen Sati begleiten. Sie erhält einen Ring mit sieben Diamanten, von denen jeder ein Symbol für einen ihrer Schutzengel ist. Die turbulente Reise beginnt.

Sobald sie als Menschen geboren werden, können sich weder Sati noch Sun an ihr früheres göttliches Dasein oder an ihre gegenseitige Liebe erinnern. Sati wird zukünftig auf den Namen Lena hören und eine Reihe von Schicksalsschlägen verkraften müssen. Der frühe Verlust des Vaters, eine schwere Krankheit, Misshandlungen durch den Ehemann, Selbstmord eines Lebenspartners sind nur einige der Stationen auf ihrem Lebensweg. Doch Lena lässt sich durch nichts und niemanden unterkriegen, trotzt sogar den Ärzten, die ihren Zustand als hoffnungslos bewerten und ihren baldigen Tod prophezeien. Immer dann, wenn die Situation ausweglos scheint, kommt ihr einer der Engel zu Hilfe, und je länger je stärker erkennt Lena, dass in ihr viel mehr steckt als ihre menschliche Existenz. Nach vielen Jahren hat sie sich endlich von allen Beziehungen, die sie blockieren, gelöst, und wäre bereit, Sun zu begegnen. Doch wird er sie tatsächlich finden? Das Ende soll hier nicht verraten werden.

Gesamteindruck

Lena Aischas Stil ist klar, einfach und flüssig. Der lockere Aufbau des Buches trägt zur guten Lesbarkeit bei. Die autobiographische Geschichte ist an manchen Stellen unglaublich und die Autorin versteht es, die Spannung bis zum Schluss aufrechtzuerhalten. Von Sun allerdings hätte ich als Leserin gerne mehr erfahren – er bleibt nicht viel mehr als ein Traumbild und erhält in dieser Geschichte keine ausgeprägten Züge.

Kritsiche LeserInnen dürfen (und sollen) weiters auch hinterfragen, ob nicht die eine oder andere schwierige Situation selbst verschuldet war. Lena ist durchaus nicht immer nur Opfer ihrer Umstände, sondern handelt manchmal gegen ihr Gewissen und/oder besseres Wissen. Jedoch scheut sie die Konfrontation nicht, setzt sich mit allem, was ihr begegnet, auseinander und wächst an den Schwierigkeiten auf ihrem Weg. Bis sie erkennt, dass die Ereignisse in ihrem Leben wie Puzzleteilchen ein Bild ergeben und ihr zuletzt ihre eigentliche Bestimmung klar wird.

Von Engeln umgeben und mit beiden Beinen auf der Erde

Nein, als religiös bezeichnet Lena Aischa sich nicht. Obwohl die Engel sie immer noch begleiten. Schon gar nicht als Esoterikerin, wenn auch ihr Entschluss, in ihrem Buch den spirituellen Wesen so viel Raum zu geben, sie geradezu in diese Schublade drängen würde. Doch dagegen wehrt sie sich vehement.

Als sie anfing zu schreiben, wollte sie ursprünglich auch gar nicht ihre Lebensgeschichte zu Papier bringen. Sie hätte lieber ein Krimi geschrieben, "spannend, fesseln, dramatisch, teilweise sinnlich und romantisch", wie sie es ausdrückt. Der Entscheid für ihr Buch kam spontan und sie wusste vorher selbst nicht, was daraus werden würde. "Solange ich schrieb, war mir nicht bewusst, dass es um mich geht. Aber ich glaube, wenn ich an die vielen positiven Reaktionen denke und daran, wie oft die Geschichte verschlungen wurde, habe ich keine schlechte Arbeit geleistet."

Ein unerwarteter Erfolg

Zweitausend Exemplare waren es, die Lena Aischa von ihrem Buch drucken liess. Davon gingen um die fünfhundert Stück innerhalb von fünf Monaten weg. Ohne Werbung, allein durch Mundpropaganda. Mütter gaben das Buch ihren Töchtern im Teenageralter: Die Mädchen könnten sich hineinfühlen und würden gewarnt, ohne Hassgefühle entstehen zu lassen. Durch das Buch würden sie lernen sich zu wehren.

Beinahe hätte die Autorin eine zweite Auflage drucken können. Achttausend Exemplare waren als Weihnachtsgeschenk für die Kunden der Winterthur-Versicherung in Biel und Bern im Gespräch. Ihr Buch war bis zuletzt in der engen Auswahl und verlor schliesslich – gegen eine Wetterstation.

Bei einer solchen Resonanz würde die Leserschaft eine gewisse Medienpräsenz erwarten, doch Lena Aischa hat bisher noch keine Interviews gegeben. "Ich bin noch zu emotional und noch nicht bereit für das, was auf mich zukommen könnte."Die Frage, ob es ihren "Sun" gibt, beantwortet sie folgendermassen: "Nein, meine Liebe zu Sun ist zwar grenzenlos, aber er ist noch nicht in meinem Leben. Es wird noch eine Zeit dauern, bis es so weit ist. Ich bin noch nicht bereit für dieses Glück. Es ist einfacher, mit Unglück und Schicksalsschläge umzugehen als mit Harmonie und Liebe."

Lena Aischa schreibt bereits an ihrem zweiten Buch, und es ist ihr zu wünschen, dass es bei den LeserInnen ebenso gut ankommt wie "Mit sieben Diamanten ...".